Warum die Haltung in der Mediation mehr zählt als die Methode

Wenn Menschen in eine Mediation kommen, bringen sie meistens eine lange Geschichte mit – Kränkungen, Missverständnisse, vielleicht auch tiefe Erschöpfung. Sie haben oft das Gefühl, nicht gehört worden zu sein. Was in diesem Moment den Unterschied macht, ist nicht in erster Linie die Technik, die der Mediator oder die Mediatorin einsetzt. Es ist die Haltung. Wie schaue ich auf die Menschen, die mir gegenübersitzen? Wie begegne ich ihnen?

Dieser Gastbeitrag von Menexia Kladoura, Wirtschafts- und Paarmediatorin, beleuchtet vier grundlegende Haltungen – ursprünglich aus dem Gestalt-Ansatz – und zeigt, wie sie in der Mediationspraxis wirksam werden.

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Jede Person als Mensch sehen – nicht als Konfliktpartei

Der Philosoph Martin Buber unterschied zwischen zwei grundlegenden Haltungen im menschlichen Miteinander: der Ich-Du-Beziehung und der Ich-Es-Beziehung. Im Ich-Du spreche ich meinem Gegenüber als Person an – mit seiner ganzen Einzigartigkeit, seiner Geschichte, seinem So-Sein. Im Ich-Es dagegen wird das Gegenüber zum Objekt: Ich kategorisiere, analysiere, ordne ein.

In der Mediation laufe ich als Mediatorin Gefahr, genau in diese Ich-Es-Falle zu tappen: „Das ist die fordernde Seite.”„Der lässt nicht locker.” „Die weint immer.” Sobald ich anfange, Menschen in Schubladen zu stecken, verliere ich den Blick für das, was sie als Person ausmacht und damit auch den Zugang zu dem, was sie wirklich bewegt.

Eine dialogische Haltung bedeutet: Ich begegne Frau Müller und Herrn Schneider, nicht „dem Täter”

und „dem Opfer”, nicht „der unfairen Chefin” und „dem verletzten Mitarbeiter”. Ich nehme jeden Menschen so wahr, wie er in diesem Moment ist, nicht als Summe seines Verhaltens im Konflikt, sondern als ganze Person. Das schafft eine Atmosphäre, in der sich Menschen gesehen fühlen. Und erst dann lassen sie sich wirklich ein.

 

 
 

Was wirklich erlebt wird – nicht nur, was gedacht wird

Viele Menschen, die in eine Mediation kommen, haben sich ihre Position gut zurechtgelegt. Sie erklären, analysieren, rechtfertigen – auf einer sehr kognitiven Ebene. „Ich habe das so und so gemacht, weil...” Was dabei oft im Hintergrund bleibt: Was sie tatsächlich fühlen. Was sie brauchen. Was ihnen wirklich wehtut.

Die phänomenologische Haltung richtet die Aufmerksamkeit genau dorthin: weg von Erklärungen und Bewertungen, hin zur unmittelbaren Wahrnehmung und zum Erleben. Als Mediatorin frage ich nicht nur „Was fordern Sie?”, sondern auch: „Was merken Sie gerade in sich, während Sie das erzählen?” Das mag ungewohnt klingen – aber es öffnet oft Türen, die über rein sachliche Konfliktklärung verschlossen geblieben wären.

Wenn jemand nicht mehr nur seinen Standpunkt verteidigt, sondern anfängt, sein Erleben zu beschreiben – dann entsteht ein anderer Gesprächsraum. Plötzlich wird sichtbar, was hinter der Forderung steckt: vielleicht der Wunsch nach Anerkennung. Vielleicht Erschöpfung. Vielleicht Trauer. Und damit wird Verständigung möglich, wo vorher nur Konfrontation war.

 

 
 

Kein Konflikt entsteht im Vakuum

Ein Konflikt zwischen zwei Menschen ist nie nur eine Angelegenheit zwischen zwei Menschen. Er entsteht in einem bestimmten Umfeld, in einer bestimmten Beziehungsgeschichte, unter bestimmten Bedingungen. Der Gestalt-Ansatz nennt das das Feld – und Kurt Lewins Feldtheorie besagt, dass jedes Verhalten vom Zusammenwirken vieler Faktoren abhängt, die gleichzeitig und im Wechselspiel wirken.

Was bedeutet das konkret für die Mediation? Es bedeutet: Ich schaue nicht nur auf das, was zwischen den Beteiligten passiert, sondern auch auf das Umfeld, das diesen Konflikt mitgeprägt hat. Welche Dynamiken gibt es im Team, in der Familie, im Unternehmen? Welche unausgesprochenen Erwartungen spielen eine Rolle?

Gleichzeitig – und das ist entscheidend – arbeite ich immer im Hier und Jetzt. Was ist heute in diesem Raum möglich? Was braucht es jetzt, in dieser Sitzung, damit sich etwas bewegen kann? Die Vergangenheit lässt sich nicht ändern. Aber wie die Beteiligten in diesem Moment miteinander umgehen, das liegt in ihrer Hand. Und genau darin liegt das Potenzial der Mediation.

 

 
 

Eigenverantwortung: Der Schlüssel zu tragfähigen Lösungen

„Die andere Seite muss sich ändern.” Diesen Satz höre ich in der Mediation häufig und ich verstehe ihn gut. Wenn man sich ohnmächtig oder ungerecht behandelt fühlt, ist es menschlich, den Blick auf den anderen zu richten. Das Problem: Auf das Verhalten anderer Menschen haben wir keinen direkten Einfluss. Und Lösungen, die ausschließlich davon abhängen, dass sich jemand anderes ändert, tragen selten lange.

Die existentialistische Perspektive, wie sie etwa Viktor Frankl oder Jean-Paul Sartre beschreiben, rückt etwas anderes in den Mittelpunkt: die eigene Wahlfreiheit und Verantwortung. Zwischen einem Auslöser und der eigenen Reaktion gibt es immer einen Raum. In diesem Raum liegt die Möglichkeit zur Entscheidung.

In der Mediation arbeite ich mit dieser Perspektive behutsam, aber konsequent. Ich unterstütze die Beteiligten dabei zu erkennen, welchen Anteil sie selbst an der Situation haben, nicht im Sinne von Schuld, sondern im Sinne von Gestaltungsmacht. Was kann ich selbst anders machen? Was liegt in meiner Verantwortung? Wer diese Fragen wirklich beantwortet, findet häufig den Weg aus der Ohnmacht in die Handlungsfähigkeit. Und Lösungen, die aus dieser Haltung heraus entstehen, sind nachhaltiger – weil sie von innen kommen, nicht von außen auferlegt wurden.

 

 
 

Fazit

Gute Mediation ist mehr als das gemeinsame Erarbeiten von Lösungen nach einem festen Schema. Sie ist eine Begegnung zwischen Menschen, die in einer schwierigen Situation stecken, und einer Mediatorin oder einem Mediator, der sie dabei begleitet, wieder handlungsfähig zu werden. Die Haltung, die diese Begegnung trägt, ist entscheidend: dialogisch, wahrnehmungsorientiert, kontextsensibel und die Eigenverantwortung stärkend.

Diese vier Grundhaltungen sind keine abstrakte Theorie. Sie spiegeln sich in jedem Gespräch wider, in der Art, wie ich zuhöre, wie ich frage, wie ich auf das reagiere, was im Raum entsteht. Und sie machen den Unterschied zwischen einer Mediation, die die Oberfläche schön aussehen lässt, und einer, die echte Veränderung ermöglicht.

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Über die Autorin

Menexia Kladoura ist Mediatorin, Coach und Paarberaterin mit Sitz in Ludwigsburg. Seit über 15 Jahren begleitet sie Einzelpersonen, Führungskräfte und Paare in herausfordernden Übergangssituationen. Ihr methodischer Ansatz verbindet Mediation, systemisches und achtsamkeitsbasiertes Arbeiten und Gestalttherapie.

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